3. Juli 2010

Hunger.

[..beim Daten-Entrümpeln irgendwann mal auf meinem PC gefunden - und es ist definitiv nicht von mir.]

Seit Monaten habe Ich nichts mehr gegessen.

Mein Magen krampft und fühlt sich taub an.
Es ist kalt und mein Stuhl ist unbequem.

Mein Zeitgefühl hat sich schon lange abgemeldet und die Wochentage fliegen, wie an einer Schnur aufgereiht, an meinem Gesichtsfeld vorbei.

Ich werde einfach weiter warten.

Mein Zustand ändert sich ab und an in bestimmten Intervallen.
Erst bin Ich relativ unberührt von meiner Situation.

Der Druck steigt allerdings mit der Zeit an und manchmal klopfe ich an die Glasscheibe vor mir. Ich genieße die kalte Berührung am Glas und die Geräusche, die meine Fingerknöchel verursachen, bohren sich in meinen Kopf.

Tock! Tock! Tock!

Ich glaube wenn ich nicht mehr klopfen könnte, ginge es mir schlechter.
Was hinter der Scheibe ist weiß ich ohne hinzusehen.
Seit ich hier sitze ist mein Blick darauf fixiert.
Manchmal bin ich kurz davor aufzustehen und zu gehen.

Aber dieser Duft!

Er steigt mir in die Nase und alle meine Pläne sind dahin.
Ich bereue oft, dass ich mich überhaupt hingesetzt habe.

Es gab mal andere Zeiten.
Damals habe ich noch gegessen.
Essen hat mir Spaß gemacht,
ich habe Kochshows gesehen
und war immer interessiert an neuen Gerichten.

Das überreiche Angebot um mich herum nehme ich jetzt allerdings kaum noch wahr. Also ich sehe mich schon um. Hauptsächlich wenn ich das Bild, das mich von der anderen Seite verhöhnt, nicht mehr ertragen kann. Die Tische biegen sich unter der Last der Nahrung und ihre würzigen Gerüche brennen mir in den Augen.

Ich überlege oft, ob es nicht einfacher wäre einfach nachzugeben.
Ich könnte ja mal in einem unbeobachteten Augenblick etwas probieren.
Meinen Hunger stillen.

Aber das Risiko ist mir zu groß.

Das Mahl hinter der Scheibe, der Grund meines Wartens, wäre für immer unerreichbar. Die Passanten, die ab und zu reinschauen, können mich nicht verstehen. Oft ist mir mein Hunger so unangenehm, dass ich behaupte ich sei satt. Oder ich hätte groß gefrühstückt.

Stattdessen kaue ich meine Fingerspitzen blutig und versuche mich abzulenken.

Der Teller hinter der Schiebe fesselt meine Blicke.

Ich betrachte ihn gerne und mir fällt immer wieder auf wie perfekt er gekocht und angerichtet ist. Mir läuft alleine beim Gedanken daran das Wasser im Mund zusammen. Ich würde nicht im Traum daran denken nachzusalzen oder Teile nicht zu essen. Wenn ich meine Henkersmahlzeit wählen müsste, gäbe es keinen Weg daran vorbei.

Allerdings muss ich doch zugestehen, dass ich oft wütend werde.

Ich warte schon so lange ohne Aussicht auf Erfolg oder Ermutigung von der Gegenseite. Viele wären schon längst aufgestanden.

Habe ich es mir nicht verdient etwas zu essen?
Ich kann mich aber nicht beschweren.
Es war von Anfang an klar, dass ich lange werde warten müssen.
Das hat mich nicht abgeschreckt und das tut es auch jetzt noch nicht.
Überall auf der Welt essen die Leute.
Viele stopfen alles in sich hinein ohne darüber nachzudenken.
Es befriedigt ihren Drang aber beim Abendbrot haben sie es schon wieder vergessen.

So jemand möchte ich nicht sein.
Ich werde so lange warten wie es dauert.
Und auch wenn es dann kalt ist und die Zutaten vertrocknet und sich die Leute fragen, wie man überhaupt so etwas noch essen kann.

Solange ich lebe werde ich nichts anderes mehr zu mir nehmen.

Es bleibt mir nur das Warten.